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Главная » 2011 » Июль » 4 » Конкурс переводчиков для студентов и учащихся старших классов
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Конкурс переводчиков для студентов и учащихся старших классов

Viktor Klein  Der letzte Grabhügel

 

Der alte Kinzels Andres-Vetter war hart krank. Im letzten Jahr ist er zusehends zusammengefallen, der sonst doch so rüstige Alte. Da kam noch der Erlass aller im Wolgagebiet lebenden Deutschen, das war für die bodenständige Bauernnatur das Letzte ... Seine Verwandten wussten, dass es mit ihm bald aus sei; er wurde von Stunde zu Stunde „all", wie es bei ihnen hieß. Sein großes hölzernes Himmelbett war mit einem blütenweißen Tuch bedeckt und die Kissen rochen nach frischem Wasser und Seife. Der Alte war mit sich und der Welt allein. Nur eine lästige Fliege kam durch das offene Fenster und setzte sich immer wieder auf das eingefallene, fahle Gesicht.

Das Kleppern von Schüsseln und Kannen, ja sogar das Ohren zerreißende Geschrei der Schweine, die in allen Hö­fen in aller Eile noch für den weiten Weg ge­schlachtet wurden, störten ihn nicht.

Die Tür ging leise auf. Die Gret war's, seine Schwiegertochter. Es schien, als habe sie einen dicken Kürbis unter der Schürze, der jeden Augenblick auf den Boden kullern könnte.

Vorsichtig langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, wie alle Frauen in diesem hoffnungsvol­len Zustand, trat sie vor das Bett: „Vatter, is'ses aich net bißcha leichter?" „Jo, mei Tochter, 's is leichter; die Schmerza hän sich v'rzoucha", hauchte der Kranke mit matter Stimme und blickte die Schwiegertochter dankbar an. „Do a bißcha Saures, das is gut vor die Hitz'", sagte die Gret und stellte ein Kännchen mit einem Absud auf den grobgezimmerten Schemel. Mit der rech­ten, graublau geäderten Hand tastete der Alte nach der Kanne. Er tat einen langen Zug. Die grü­nen Tropfen rollten übers Kinn auf das Kissen. Grete fächelte mit einem kleinen weißen Tüchlein paarmal über dem Gesicht des Kranken und die ährengelben weichen Härchen an seinen Schläfen bewegten sich leicht.

„Geh' nor, Gret, helf m Hannes 's Flaasch wegschaffa, ich kann ach alah' bleiwa", flüsterte der Kranke kaum hörbar.

 Vor dem offenen Fenster, durch das noch heiße Septemberluft von der Wolga herüberwehte, hörte man eine Schwalbe zwitschern und der alte knor­rige Rüster rauschte einlullend. Bleischwer sank der Kopf des Alten zurück in die Kissen und die faltigen Lider fielen, wie von allein, über die Augen. Wehmut lag über seinem Gesicht. An den prallen Adern über den Schläfen und der mit Run­zeln überzogenen Stirn war zu erkennen, dass der Alte keineswegs schlief.

„Wie wird nur der Hannes ohne mich fertig", sin­nierte der Kranke. Das Fleisch einsalzen, die Sa­chen verpacken {…}  Da sollte man vielleicht besser ein paar Sack Mehl mitnehmen, als all den Kram; man weiß ja nicht, wie's einem dort in der Fremde noch ergehen wird. Nach Sibirien! Das ist halt weit! Aber doch nicht ganz aus der Welt. Der Karl, sein ältester Bruder, war 1909 nach Omsk gezogen; das ist doch auch dort in die­sem Sibirien, wohin man uns jetzt verschickt… Wenn's nur nicht noch weiter geht und noch schlimmer kommt, wie bei dem Karl – solche und noch schwerere Gedanken wälzten sich wie Qua­dersteine in der Ungewissheit vor ihm her... Schon einmal wurde sein Heimatdorf hier an der Wolga bis auf den Grund aufgewühlt, so wie die Wolga beim Hochwasser, wenn der Sturm pfiff und die Wogen an den Wasserberg schlugen. Das ist nun schon lange her und aus dem zaristischen Ukas wurde nichts. Würden die Bolschewiken jetzt das Unfassbare... werden die Genossen nicht doch noch zurückschrecken vor dieser Gräueltat? Sollten sie es wagen, das Unmenschli­che? {…}

Nun, das kann doch nicht möglich sein! Sicher wieder eine Provokation dieser... Volksfeinde ... Und der Vater... und Freund aller Werktätigen weiß bestimmt von alldem nichts. Aber... der Erlass ist doch unterschrieben und steht in der Zei­tung ... Alle Deutschen ... War unser Kolchos nicht vorbildlich? Haben wir etwa schlecht gear­beitet?

Der Sohn drehte sich aus Zeitungspapier eine dicke Papiros.

„Ist das nicht die Zeitung mit dem Erlass, Hannes? Zerreiße sie nicht, nehmt se mit." Hannes legte die Zeitung sorgfältig zusammen und steckte sie in die Innentasche seines Rockes. „Hannes, tu auch meine Peif ein", bat der Alte. „Aach den Tuwaksack, den hot mr noch dei Mod­der g'näht."

Der Sohn strich sich mit der rauen Hand über sein sonnengebräuntes Gesicht, als wollte er etwas Unerwünschtes, Ungebetenes mit der Hand weg­wischen. In seinen Augen flimmerte die unheil­volle Ungewissheit. In der Nacht schlief, außer den kleinen Kindern, niemand. Morgen, so der strenge Befehl, sollte es fortgehen. Niemand wusste wohin und noch viel weniger, was diese Zukunft an Not und Elend bringen würde.

Die Grenzer gingen, wie Gespenster um Mitter­nacht, immer zu zwei mit abstehenden Taschen ihrer Schusswaffen von Haus zu Haus und feuer­ten die Leute zur Eile an. Bei Kinzels traten auch zwei ein. Der eine hatte ein vierkantiges Gesicht und einen gestutzten Schädel; der Blick seiner wässrigen Augen war kalt und hart. Man erkannte sofort die echte Jeshowsche Schule. Der zweite war ein dünner, langer Junge mit einem ruhigen Blick; sein Haar hing ihm über die Stirn, sein Ge­sicht war bleich und abgespannt. „Wie weit seid ihr?" fragte der erste barsch. „Wir sind so gut wie fertig", antwortete Hannes und machte Platz am Tisch.

„Setzt euch bei, Genossen", lud er ein. Quell­fleisch und frisches Weizenbrot verbreiteten einen Duft, dass auch ein Toter Appetit bekommen hätte. Der Lange machte freundliche Augen. Der Harte blickte ihn streng an und zog ihn mit sich fort. Kein Wunder, man hatte ihnen ja eingehäm­mert, dass hier nur „Spione" und „Divilsanten" (Diversanten – A.M.) hausen.

Die Nacht lag kühl über dem Dorf. In allen Häu­sern brannte Licht. Hie und da huschten nächt­liche Schatten über die Straßen. Die Schornsteine qualmten, als ob zur Hochzeit gerichtet würde. Überall wurde gebacken und geschmort. Ein wei­ter Weg ins Ungewisse stand bevor...

Der alte Andreas erhob sich mühsam, ließ die knochigen Beine behutsam vom Bett herabgleiten, tastete nach den Filzschuhen. Behäbig richtete er sich auf, zog den Fellpelz über die eckigen Schul­tern, stülpte die verschwitzte Schildmütze über das schüttere Haar. Leise, fast wie ein Dieb, schlich er sich hinaus. Im Backhaus hantierten Gret und Hannes. Über den Dächern stand ätzen­der Mistholz- und Strohrauch. Langsam, als zähle er die Schritte, tastete sich der Alte die Häuser ent­lang.

Auf dem großen Platz vor der Kirche blieb er ste­hen. Die Kirche war hart mitgenommen. Schon seit zweiunddreißig hatte man sie in einen Klub umfunktioniert. Das Kreuz hatte man herunterge­holt und der Turm ragte jetzt in den nachtschwarzen Himmel als ein Mahnmal einer bewegten Zeit. Grenzer überquerten den Platz; das ganze Dorf war voll von diesen unheilbringenden Schatten.

Um sieben standen die Wagen beladen und setz­ten sich knatternd in Bewegung; die Kinder und Frauen hoch oben auf dem Gepäck, die Männer schritten bedächtig gesenkten Hauptes neben den Wagen her oder folgten in kurzen Abständen in Gedanken vertieft, wie einem Trauerzug auf dem Friedhof.

Hinter dem Dorf machte man Halt und wartete, bis die letzten Wagen ankamen.

Endlich war das ganze Dorf beisammen. Langsam, wie ein Leichenzug, bewegten sich die schwerbe­ladenen Wagen über die harte Muttersteppe. Plötzlich hielt der lange Zug. An einem der vor­dersten Wagen war eine Achse gebrochen.

 Übers Feld, kreuz und quer, irrten herrenlose Kühe, Kälber, Ziegen und Schafe. Niemand küm­merte sich um das Vieh. Die Kühe, aus deren pral­len Eutern die Milch triefte, schauten mit ihren großen traurigen Kuhaugen dem Leichenzug nach und konnten scheinbar nicht begreifen, was da vor sich ging. Hinter den Wagen trollten Hunde mit heraushängender Zunge.

Wo wollt ihr hin, ihr guten Leute? Warum verlasst ihr die heimatliche Scholle, den trauten Wolga­strand? Bald sind es zweihundert Jahre, dass eure Ahnen hier ankamen, ebenfalls auf der Achse. Not und Elend, Kummer und Sorgen, Missernten und Raubüberfälle haben sie in all den Jahren reichlich durchgestanden, bis sie diese Steppe, über die heute eure Wagen in die Fremde rollen, urbar ge­macht hatte. Und ihr? - Verlasst jetzt Haus und Hof, verlasst dieses Land, gedüngt mit eurem Schweiß und Blut. Eine drückende Stille lag über allen, wie vor einem schweren Gewitter.

Auf dem hohen Steppenberg hielt der Zug aber­mals. Die Männer zogen ihre schweißdurchtränk­ten Mützen vom Kopf.

Ganz unten, aber noch gut zu sehen, lag, wie auf der flachen Hand, das Heimatdorf. Der „geköpfte" Kirchturm blickte traurig in die Weite; die Häuser, jetzt grau von Wind und Regen, schienen sich zum Abschied zu verneigen.

Der alte Andreas-Vetter lag in den hohen und wei­chen Aufsetzkissen und blickte mit Tränen in den Augen auf das Heimatdorf hinunter. Das war seine Heimat und in seinen alten Tagen musste er sie verlassen... Hier hatten seine Ahnen ge­lebt ... Hier hatte er sein erstes Mädchen geküsst...

Jemand knallte mit der Peitsche und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Am Mittag wurde Rast gemacht, dort, wo an der Landstraße die Grenze zum Heimatdorf verlief. Hannes stellte sofort einen Dreifuß auf und machte sich ans Kochen. Der Alte saß in seinen Kissen und blinzelte in den Himmel. Unter dem Wagen lag die Gret und stöhnte laut... „Hannes, ich glab 's kommt..."

„Um Himmels Willen! Das wär' was auf diesem Weg!"

„Wasser", flehte die Schwangere. „Gleich kocht der Tee ... beruhig' dich." Plötzlich wurde das Gesicht der Schwangeren bleich, dann blau; die Augen gelb und feucht starrten hilfe­suchend vor sich hin.

Kurz darauf nur noch ein Schrei und die Kranke krümmte sich vor Schmerz wie ein Wurm. Han­nes rannte hilfesuchend die Wagen entlang. Als die alte Wes Ambeth erschien, lag Grete schon in den Wehen.

Dem alten Andreas ging es von Stunde zu Stunde immer schlechter. Seine Augen waren blass und ausdruckslos. Er lehnte in den Kissen mit dem Blick in Richtung des verlassenen Dorfes. Nur noch einmal kam Leben in seinen Gesichtszügen zum Ausdruck, als ein schriller Kinderschrei an sein Ohr drang und die alte Ambeth mit einem strammen Buben vor ihn trat: „Do, des is'r, An­dreas, uf den wu mr gewart hän." Ein wehmütiges Lächeln flog über das erdfahle Gesicht des Alten. „Hannes", sagte er mit ruhiger Stimme, „hier beer­digt mich, an unserer Grenze, mit dem Gesicht dem Dorfe zu." Daraufhin winkte er noch einmal mit seiner rechten Hand, als wollte er etwas sagen; die Zunge war aber schon steif... Männer gruben ihm in aller Eile sein Grab in der Wermutsteppe...

Der Zug sollte vor Nacht noch die nächste Bahn­station erreichen, wo man sie dann alle in Vieh­waggons verladen würde ... Zurück blieben der letzte Grabhügel des alten Kinzel, eines Wolgadeutschen, dessen Vorfahren dieses große reiche Dorf an der Wolga gegründet hatten.

Im ersten russischen Dorf meldete Hannes den Todesfall, ließ den Vater „austun" und den Sohn einschreiben. Grete und Hannes gaben ihrem Neugeborenen zum Andenken an den Vater den Namen Andreas.

Diese Bauern, wettergebräunt und hart wie ihr Heimatboden, von zäher Kraft und eisernem Wil­len, werden aber durchhalten und alle Unbilden der Zeit überwinden.

Der Pausback Andreas aber wird heranwachsen und dereinst als Mann sich seinem Großvater und seinen aufrechten und wackeren Landsleuten als würdig erweisen...

 

(Leicht gekürzt. Aus „Heimatbuch der Deutschen aus Russland. 1982-1984" S. 83-86)

 

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